Wer glaubt, es sei ihm gelungen, etwas Neues zu sagen, hat noch nicht genug gelesen.
An den Leser
Im Leben muss man nicht nur klug, sondern auch weise sein… Staunen – das ist die Kunst der Weisheit. Vervollkommnung ist keine Flucht, nicht der leichtere Weg, denn spirituelle Arbeit ist mühsam. Doch ein Forschen, das mit ernster Beharrlichkeit geübt wird, hilft uns, weiser zu werden. Dieses Buch verhilft zu einem wahren Blick für das Wesentliche.
Für jeden Tag eine Weisheit – das ist eine allseits bekannte Gattung. Es ist nicht leicht, jeden Tag eine Seite Weisheit zu lesen, noch weniger, introspektiv über sie zu meditieren, ganz zu schweigen davon, sie sich zu eigen zu machen. Gedanken und Meinungen, Daten und Fakten, Erkenntnisse und Lehrgespräche reihen sich auf diesen Seiten und warten auf den Leser. Dieser Wegweiser erklärt nicht nur, sondern hilft auch, Erfahrungen zu machen. Ein Jahr hindurch begleitet er uns, doch besser noch ist es, wenn wir ihn begleiten, mit beharrlicher Aufmerksamkeit ein ganzes Jahr lang.
In Wahrheit blättern wir gar nicht in den Seiten eines Buches, sondern durchwandern ein weit verzweigtes spirituelles Labyrinth. Nach rechts und links, vorwärts und zurück, hinauf und hinab windet sich der Gang des räumlichen Labyrinths. An jeder Biegung warten immer neue Erfahrungen, angenehme oder auch herbe Erkenntnisse auf uns Labyrinthgänger. Furchterregenden Schatten können wir ebenso begegnen wie heiterer Ermutigung. Indem wir uns selbst überwinden, stirbt zuweilen ein wenig unser schwächeres Ich, doch gerade das verhilft uns zur geistigen Wiedergeburt.
Womit wir Labyrinthgänger in jedem Fall rechnen können, ist das Erkennen der Parallelen zwischen den Weltanschauungen, mehr noch, das Auffinden der universellen Wahrheit und Weisheit, die hinter der Vielzahl der Meinungen liegt. Die höhere Synthese ist eine Frage des Blicks für das Wesentliche. Durch Orientierung und Verstehen, durch Faktenwissen und Meditation lässt sich der verloren geglaubte geistige Schatz finden. Information und Transformation, persönliche Beteiligung sowie Kontemplation und Erfahren führen unmerklich näher zur Fülle. Denn wer tief gräbt, der findet das Wasser.
Für wirklichen spirituellen Fortschritt muss man auch im eigenen Leben durch ähnliche Aufgaben, Kämpfe und Fallstricke hindurchgehen. In diesem Labyrinth aber wächst dank der tragenden spirituellen Umgebung nicht der Schrecken des entfremdeten Daseins, sondern unsere weise Einsicht, statt der Ängste mehren sich die Erkenntnisse. Während die Illusion sich lichtet, wird das Ziel immer klarer. Mag sein, dass der Eingang dieses Labyrinths diesseits liegt, doch der Ausgang liegt jenseits. Unterwegs gelangen wir von uns selbst – zu unserem wahren Selbst.
Ein Jahr – wie das ganze Leben… Der Frühling ist die Jugend, mit ihrer Frische und Unschuld. Der glühende Sommer ist der Mittag des Lebens, mit Reifen und Leuchten. Der Herbst ist der fruchtbare Reichtum, mit seiner Fülle und seinem Vorsorgen, der Winter aber, mit seinem Rückzug und seinem Stillwerden, die schneeweiße, geläuterte Reinheit. Nicht die Zeit vergeht – wir reifen.
Tage und Nächte, Sommer und Winter lösen einander ab, Jahreszeiten ziehen vorüber und Lebensalter vergehen, doch es gibt etwas, das sich niemals ändert… Der Erfahrende ändert sich nicht, und das Erfahren ändert sich nicht. Diese beiden aber knüpft der Gegenstand der Erfahrung zusammen. Der Erfahrende ist der Mensch, der geistige Mensch; das Erfahren ist das Wirken der Vernunft und des intuitiven Vermögens. Der Gegenstand der Erfahrung schließlich ist das Mysterium des Lebens selbst, nun aber ist das Leben ein zu großes Wunder, als dass wir es mit ein paar platten Theorien abtun dürften…
Wer sich selbst und seinen spirituellen Frieden sucht, ist am rechten Ort. Wer praktische Lebensweisheit und weitreichende Ausblicke sucht, der ist am rechten Ort. Wer in sich selbst den Weg zu den anderen sucht, ist am rechten Ort, und wer statt des Vergänglichen das Bleibende sucht, der ist ebenfalls am rechten Ort. Ihnen wird dieser Wegweiser von Nutzen sein. Ein mittelloser Narr bricht auf, und ans Ziel gelangen wird ein reicher Weiser, der unterwegs erkennt, welch große Schätze er besitzt.
Ratschläge zum Gebrauch
Im Prozess der Erkenntnis lassen sich zwei grundlegende Methoden unterscheiden. Die eine ist die auf Beobachtung gründende, empirische, man könnte sagen objektive Methode, bei der der Beobachter außerhalb des beobachteten Phänomens steht und messbare, belegbare Feststellungen trifft. Die andere ist die phänomenologische Methode, bei der sich der Beobachter in die Situation hineinversetzt und durch innere, unmittelbare Erfahrungen zu spürbaren, intuitiven Erkenntnissen zu gelangen sucht. Ist die erstere Methode objektiv, so können wir die letztere ihrer Natur nach subjektiv nennen.
Eine treffende Metapher für das menschliche Leben ist das Labyrinth. Es hat einen Anfang und ein Ende, es windet sich lange dahin, ist reich an Wendungen, lockt oft mit einem Erfolg, der sich später als bloße Illusion herausstellt, doch am Ende kann man aus ihm hinausfinden. Im Labyrinth kann man sich nicht verirren. Man muss nur immer weitergehen, und früher oder später gelangt man hinaus.
Objektiv lässt sich über ein Labyrinth vieles sagen: Wir können von seinem Aufbau sprechen, von seiner Länge, seinen historischen Traditionen und Vorläufern, seiner symbolischen Bedeutung. Doch allein aus der Theorie werden wir nie verstehen, mehr noch, nie erfahren, wie verloren man sich an dieser oder jener Biegung fühlt, zu welchen Erkenntnissen man in der Mitte des Labyrinths gelangt und wie trügerisch die Hoffnung ist, nur noch wenige Schritte trennten einen vom Ausgang, wenn noch ein Weg von mehreren hundert Schritten vor einem liegt. Dazu müssen wir das wirkliche Labyrinth betreten, müssen das Mysterium des sich lang hinwindenden Ganges erfahren, die Art, wie der aufgerollte Pfad den Raum krümmt, die Zeit dehnt und den Menschen verzaubert.
Dieses Buch ist ein mehrdimensionales geistiges Labyrinth. Scheinbar ist es eine Folge gut lesbarer Meditationen, doch weit mehr als das. Scheinbar ist es eine kalenderartige Weisheitssammlung, doch viel mehr als das. Scheinbar ist es eine Reihe von Daten, Titeln und Gedanken, doch mehr noch als das. Dieses Labyrinth bis zum Ende zu durchschreiten ist ein wirkliches phänomenologisches Experiment, in dem wir selbst Objekt der Beobachtung sind, zugleich aber auch ihr Subjekt. Die Texte sind nur Werkzeuge für Erkenntnisse, die Daten nur Anhaltspunkte für das Vorankommen.
Es existieren zahllose Werke, die die Weisheiten großer Denker oder jahrhundertealter geistiger Traditionen aneinanderreihen, verteilt auf alle Tage des Jahres. Zweifellos ist es lehrreich, über diese Gedanken zu meditieren, doch im vorliegenden Fall geht es um mehr. Die Texte bilden ein systematisches Gefüge, reihen sich in mehreren Schichten aneinander und knüpfen neben den horizontalen Zusammenhängen auch ein vertikales Netz. Zur Zeitstruktur, die sich in den Daten zeigt, und zur Raumstruktur der Textfolge kommt eine zusätzliche geistige Dimension hinzu, in der die Intensität der Themen, der informative oder auch introspektive Strang der Texte verborgene Verbindungskanäle schaffen.
In diesem Labyrinth finden sich zweimal zwölf Segmente. Das erste System ist die Abfolge der Sternzeichen, die den ganzen Jahreskreis in zwölf Tierkreismonate teilt. Das ist ein Element der Zeitstruktur. Die Erd-, Wasser-, Feuer- und Luftzeichen tragen naturgemäß ihre elementaren Eigenschaften, was durch die Eigenschaften der kardinalen, der fixen und der beweglichen Zeichen ergänzt wird. So zeigen die zwölf Tierkreismonate eine Gliederung von viermal drei. Auch die Jahreszeiten umfassen je drei Monate, und bemerkenswert ist auch die Teilung des Jahreskreises in zwei Hälften: zwischen der Frühlings- und der Herbst-Tagundnachtgleiche die Zeit des Sommers, zwischen der Herbst- und der Frühlings-Tagundnachtgleiche die Zeit des Winters. Außerdem gelten der Reihe nach die Zeichen von Löwe bis Steinbock als Tag- oder Sonnenzeichen, dann die Zeichen von Wassermann bis Krebs als Nacht- oder Mondzeichen.
Ob wohl die Sommerhälfte die Erscheinungen der Winterhälfte widerspiegelt? Überraschenderweise sind die beiden Halbjahre nicht gleich lang. Vom ersten Tag des Widders (21. März) bis zum letzten Tag des Zeichens Jungfrau (22. September) gerechnet vergehen hundertsechsundachtzig Tage – das ist das Sommerhalbjahr, in dem die scheinbare Bahn der Sonne über dem Äquator verläuft. Dagegen sind es vom ersten Tag des Zeichens Waage (23. September) bis zum letzten Tag der Fische (20. März) hundertneunundsiebzig Tage, auch mit dem alle vier Jahre fälligen Schalttag nur hundertachtzig.
Die Tagundnachtgleichen stehen für die Gegenwart, für das Gleichgewicht.
Den Frühlingspunkt haben wir als Anfangspunkt des Jahreskreises gesetzt, denn er ist der Beginn des ersten Zeichens des Zodiaks, der erste Tag des astronomischen Frühlings und der unveränderliche Tag, den man zur Berechnung von Ostern braucht. (Der Frühlingspunkt wandert infolge der Präzessionsbewegung der Erde, und eigentümlicherweise tritt er im 21. Jahrhundert astronomisch am 20. März, ab 2048 sogar am 19. März ein, doch davon haben wir bei der Zusammenstellung abgesehen.)
Den Frühlingspunkt können wir auch als Beginn des symbolischen Lebensweges betrachten, wenn der Mensch aus dem Unmanifestierten einen Leib annimmt, zur Welt kommt. Besonders bemerkenswert ist das Verhältnis zwischen den neun Monaten der menschlichen Gestationszeit und den zwölf Monaten des ganzen Jahreskreises.
Betrachten wir das erste Sternzeichen, den Widder, als mythischen Beginn des menschlichen Lebensweges, so erstrecken sich die neun Monate des vorgeburtlichen Daseins zwischen zwei Feuerzeichen, zwischen Widder und Schütze, über dreimal drei Monate. Das Bemerkenswerte an diesen drei Perioden ist, dass dem ersten Abschnitt – den drei Monaten der Zeichen Widder, Stier, Zwillinge – das Wasserelement fehlt, in der Folge der zweiten drei Monate – Krebs, Löwe, Jungfrau – das Luftelement fehlt, während die Reihe der dritten drei Monate – Waage, Skorpion, Schütze – das Erdelement entbehrt. Einzig das Feuerelement begleitet das Ungeborene die ganze Schwangerschaft hindurch.
Dagegen verkörpern die drei Monate Steinbock-Wassermann-Fische, die vom ganzen Jahreskreis noch bleiben, gerade die bis dahin fehlenden Elemente – das Erd-, Luft- und Wasserelement – und vermitteln sie dem Kind gleichsam nach seiner Geburt. Diese drei Monate sind also die Phase der äußeren Aneignung des Erd-, Luft- und Wasserelements, in der der Mensch ganz wird, fast ein übermenschlicher Mensch, nachdem er nun alle zwölf Monate des vollen Jahreszyklus absolviert hat. Auf praktischer Ebene bezeichnet der Abschnitt Steinbock-Wassermann-Fische die drei goldenen Monate nach dem Eintritt in die Welt.
Neben den Tagundnachtgleichen spielen auch die Sonnenwenden eine herausragende Rolle.
Die Tage vor und nach dem Tag der Wintersonnenwende – zusammen also diese drei Tage – sind die dunkelste Zeit des Jahres, die die kürzesten Tage und die längsten Nächte bringt, man könnte sagen, das Maximum an fehlendem Licht. Zu dieser Zeit steht die Sonne am tiefsten, da berührt sie den Wendekreis des Steinbocks. Die Wintersonnenwende ist die Verkörperung der Vergangenheit, zugleich eine dem Gedenken der Ahnen geweihte Zeit. Doch gerade dann wendet sich die Sonnenbahn nach Norden, deshalb beginnt mit der Wintersonnenwende der Weg der Götter, das heißt die nördliche, nach Norden strebende Bahn der Sonne, die als günstige Zeit gilt.
Die Sommersonnenwende dagegen ist die Zeit des längsten Tages und der kürzesten Nacht. Und doch zieht sich die Sonne gerade dann von ihrem höchsten Stand im Norden, dem Wendekreis des Krebses, zurück. Das ist der Beginn des Weges der Ahnen, der südlichen Richtung der Sonnenbahn.
Neben dem Zodiak ist das zweite Zwölfersystem die Gliederung nach Themenkreisen, die von der universellen Philosophie bis zu den Gesprächen mit dem Lehrer reicht.
- universelle Weisheit, Philosophie
- Yoga, indische Tradition
- Traditionen, Religionen, geistige Wege
- Mystik, Intuition, Inspiration
- Weltsicht, Wandlung, Spiritualität
- Freiheit, Knechtschaft, Erleuchtung
- Schönheit, Liebe, Kunst, Gleichgewicht
- Zahlen, Elemente, positive Wissenschaften
- Beispiele aus der Natur
- Selbsterkenntnis, Selbstbewusstheit, individuelle Entwicklung
- menschliche Beziehungen, menschliche Eigenheiten
- Gespräche mit dem Lehrer, Meister und Jünger
Neben dieser ausführlichen Gliederung zeichnen sich drei umfassendere Kategorien ab: das Sein, das Bewusstsein und die Glückseligkeit.
Sein
Die Wahrheit existiert, das stellt die Philosophie fest, die Weisheitslehre. Das ist die existenzielle Grundlegung. Die Lehrsätze, das Wissen, das Faktische, die Tatsachen der Spiritualität lassen sich alle hierher zählen. Die Philosophie zeigt die Wirklichkeit auf und zugleich auch die Grenzen. Das erste oder kleinere Mysterium gehört hierher, wenn statt der Tatsachen der Außenwelt die Wirklichkeit der spirituellen Werte wichtiger wird. Von den spirituellen Übungen gehört die Meditation hierher.
Bewusstsein
Das Bewusstsein dient dem Erkennen der Wahrheit, es ist das Mittel, die von der Philosophie festgestellten Tatsachen zu verwirklichen. Über das Verstehen hinaus bringt es die Möglichkeit eigener, unmittelbarer Erfahrung, führt zu weit tieferen Erkenntnissen als das bloß intellektuelle Verstehen. Die Bewusstheit zeigt die moralische Verantwortung der Existenz auf und ist mit dem größeren Mysterium gleichzusetzen, dem Voranschreiten zur Mitte. Von den spirituellen Erscheinungen gehört die Offenbarung hierher, wenn wir dank unserer spirituellen Übungen zu Erkenntnissen gelangen.
Glückseligkeit
Das Glück ist die Ebene der Schönheit, darum ist es der Kunst, der Ästhetik, der aus der Fülle entspringenden Harmonie eigen. Es bedeutet nicht sinnliche Freuden, sondern die spirituelle Zufriedenheit des Selbst, eine Art seligen Zustand. Das ist das dritte oder letzte Mysterium, wenn der Mensch nach dem Richtungswechsel und dem Voranschreiten zur Mitte endlich ans Ziel gelangt und auf eine höhere Stufe steigt. Von den spirituellen Übungen gehört die Anbetung hierher, wenn die gewonnenen Erkenntnisse den Menschen zur Tätigkeit anspornen und er das Gute übt.
Diese drei großen geistigen Stränge lassen sich in den Texten entdecken. Wir können sagen, jeder Text spricht von der Philosophie und ruft zur Übung auf, doch wir können auch sagen, jeder Text lehrt Selbsterkenntnis. Die Selbstreflexion, das Bedürfnis nach individueller Entwicklung, das Üben der Selbsterkenntnis ziehen sich wie ein roter Faden durch das Buch. Die Grundlegung des Wissens begleitet uns bis zum tiefsten Punkt, sie geht mit dem Menschen selbst in die tiefsten Kreise der Finsternis. Die Erkenntnis aber keimt oft aus der Tiefe und hebt empor bis zu den höchsten Ebenen – darum ist sie menschlich, zutiefst menschlich.
Wir können auch sagen, Sein, Bewusstsein und Glückseligkeit, oder Theorie, Praxis und Erkenntnis, oder auch Verstehen, Verwirklichung und unmittelbare Erfahrung jagen einander in den Texten wie die Motive einer barocken Fuge.
Auswahl und Anordnung der Texte folgen eigentümlichen Mustern. Scheinbar reihen sich die Kalendertage aneinander, doch wir können auch verborgene ordnende Prinzipien entdecken. Vergessen wir nicht, wir bewegen uns in einem dreidimensionalen geistigen Labyrinth, in dem zwischen den einzelnen Texten Verbindungen, Bezüge in jeder Richtung existieren können! So reiht zum Beispiel das übereinandergelegte Diagramm der Dreiecke, die die Feuer- und Wasserzeichen des Zodiaks bilden, an seinen Schnitt- und Eckpunkten die Texte über die Elemente auf, die ausgewählten Lehrsätze der griechischen Weisheit aber finden wir entlang der Linie eines neunzackigen Sterns. Das große hermetische Siegel birgt die Reihe der Zahlen und so fort.
Neben den faktischen und beabsichtigten Verbindungsnetzen sind zwischen den Texten auch intuitive Bezüge möglich, die auf Assoziation und persönlichen Erkenntnissen beruhen. Das soll die Entdeckung des Forschers, des Übenden, des Labyrinthgängers sein. Bestimmte Themen, Themenkreise grüßen immer wieder aufs Neue, denn es ist gar nicht das Ziel, einen Fragenkreis ein einziges Mal und vollständig auszuschöpfen. So kommt die vertikale Gliederung der Fragenkreise zustande, denn wenn wir dasselbe Thema beim nächsten Mal einer intensiveren, tiefer gehenden Analyse unterziehen oder wir selbst zu verständigeren, gründlicheren Forschern werden, dann können sich neue Perspektiven eröffnen, ja, dieselben Sätze bedeuten dann schon mehr.
Der mythische Kalender zählt zwölf Monate und dreihundertsechzig Tage, während unser tatsächlicher Kalender dreihundertfünfundsechzig Tage zählt und von Zeit zu Zeit durch das Einfügen von Schalttagen der Korrektur bedarf. Der Unterschied zwischen der Zahl der Tage im mythischen und im tatsächlichen Kalender ist dreihundertsechsundsechzig – dreihundertsechzig = sechs, weil wir auch den Schalttag mitzählen, und so nehmen sechs Texte einen besonderen Platz ein.
Die Frühlings-, Sommer-, Herbst- und Wintermonate des mythischen Kalenders stehen für die überlieferte Zeitfolge von Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft, während die übrigen Tage eine vierte Zeitphase anzeigen, die ewige Zeit. Die Jahreszeiten verteilen sich nach den Sternzeichen, die übrigen sechs Tage aber sind universell, eine Summe der elementaren Eigenschaften der Zeichen, und stehen für das Außerzeitliche.
Wie durchwandern wir dieses geistige Labyrinth?
Die einfachste Methode, die dennoch die größte Beharrlichkeit verlangt, ist, sich an die Reihenfolge der Tage zu halten – für jeden Tag eine Weisheit. Das scheint nicht kompliziert, und doch erfordert es außerordentliche Standhaftigkeit, es konsequent durchzuhalten. Einen Text auszulassen, zu überspringen, lohnt nicht, ihn nachzuholen ist fast unmöglich. Die Meditation muss in unseren Tagesablauf eingebaut werden, ein Jahr lang müssen wir dieser Meditation jeden Tag die nötige Zeit und Aufmerksamkeit widmen. Womit dürfen wir als Lohn für dieses beharrliche Üben rechnen?
Mag sein, dass wir an uns keine lauten äußeren Veränderungen wahrnehmen werden, doch gewiss ist, dass ein anderer Mensch aus dem geistigen Labyrinth heraustritt als der, der ein Jahr zuvor eingetreten ist.
Unterwegs können wir auch über die Art unseres Denkens nachdenken, was wir sonst nur sehr selten tun. Durch die Kontemplation wird unser Blick für das Wesentliche stärker, und vielleicht setzt auch jene feine innere Wandlung ein, dank derer wir eine feinere Welt um uns sehen und auf die Impulse, die uns treffen, nuanciertere Antworten geben können. Feinfühliger können wir die kleinen Wunder erkennen, nüchtern alles meiden, was unsere Entwicklung hemmt, und dagegen üben, was sie fördert.
Zum Gelingen des Lebens braucht es Aufrichtigkeit, Ernsthaftigkeit und Mut, und indem wir dieses Labyrinth durchschreiten, können wir in diesen Tugenden wachsen.
Wenn wir nicht jeden einzelnen Tag unseren Meditationen Aufmerksamkeit widmen können, dürfen wir die Texte auch gelegentlich lesen. Die Meditation für den jeweiligen Kalendertag können wir auch als Botschaft des Tages, als Motto betrachten. Wir können uns sogar ganz von den Daten lösen, den Band einfach aufschlagen oder frei darin blättern, dem nicht existierenden Zufall freien Lauf lassen und uns so einen guten Rat für den Tag suchen. Besonders interessant kann es sein, den Text zu unserem eigenen Geburtsdatum aufzusuchen und zu bedenken. In Gesellschaft kann es ein gemeinsames Erlebnis sein, einander solcherart kennenzulernen.
Ein guter Rat aber gilt allen: weniger – ist mehr.
Es ist nicht ratsam, mehrere Meditationen auf einmal zu lesen, denn jedes Thema verdient eine aufmerksame, maßvolle Annäherung. Es lohnt sich, jedem einzelnen Text mehr Zeit und Aufmerksamkeit zu widmen, auf unsere Reflexionen zu achten, vielleicht sogar Notizen zu machen. Erweisen wir den jeweiligen Themen die Achtung, und auch uns selbst, denn wenn wir durch die langen Tage hetzen, laufen uns die kurzen Jahre davon.
Swami Tirtha
Ludastó-Schule, 2022