Wer glaubt, es sei ihm gelun­gen, etwas Neues zu sagen, hat noch nicht genug gele­sen.

An den Leser

Im Leben muss man nicht nur klug, son­dern auch weise sein… Stau­nen – das ist die Kunst der Weis­heit. Ver­voll­komm­nung ist keine Flucht, nicht der leich­te­re Weg, denn spi­ri­tu­el­le Arbeit ist müh­sam. Doch ein For­schen, das mit erns­ter Beharr­lich­keit geübt wird, hilft uns, wei­ser zu wer­den. Die­ses Buch ver­hilft zu einem wah­ren Blick für das Wesent­li­che.

Für jeden Tag eine Weis­heit – das ist eine all­seits bekann­te Gat­tung. Es ist nicht leicht, jeden Tag eine Seite Weis­heit zu lesen, noch weni­ger, intro­spek­tiv über sie zu medi­tie­ren, ganz zu schwei­gen davon, sie sich zu eigen zu machen. Gedan­ken und Mei­nun­gen, Daten und Fak­ten, Erkennt­nis­se und Lehr­ge­sprä­che rei­hen sich auf die­sen Sei­ten und war­ten auf den Leser. Die­ser Weg­wei­ser erklärt nicht nur, son­dern hilft auch, Erfah­run­gen zu machen. Ein Jahr hin­durch beglei­tet er uns, doch bes­ser noch ist es, wenn wir ihn beglei­ten, mit beharr­li­cher Auf­merk­sam­keit ein gan­zes Jahr lang.

In Wahr­heit blät­tern wir gar nicht in den Sei­ten eines Buches, son­dern durch­wan­dern ein weit ver­zweig­tes spi­ri­tu­el­les Laby­rinth. Nach rechts und links, vor­wärts und zurück, hin­auf und hinab win­det sich der Gang des räum­li­chen Laby­rinths. An jeder Bie­gung war­ten immer neue Erfah­run­gen, ange­neh­me oder auch herbe Erkennt­nis­se auf uns Laby­rinth­gän­ger. Furcht­erre­gen­den Schat­ten kön­nen wir eben­so begeg­nen wie hei­te­rer Ermu­ti­gung. Indem wir uns selbst über­win­den, stirbt zuwei­len ein wenig unser schwä­che­res Ich, doch gera­de das ver­hilft uns zur geis­ti­gen Wie­der­ge­burt.

Womit wir Laby­rinth­gän­ger in jedem Fall rech­nen kön­nen, ist das Erken­nen der Par­al­le­len zwi­schen den Welt­an­schau­un­gen, mehr noch, das Auf­fin­den der uni­ver­sel­len Wahr­heit und Weis­heit, die hin­ter der Viel­zahl der Mei­nun­gen liegt. Die höhe­re Syn­the­se ist eine Frage des Blicks für das Wesent­li­che. Durch Ori­en­tie­rung und Ver­ste­hen, durch Fak­ten­wis­sen und Medi­ta­ti­on lässt sich der ver­lo­ren geglaub­te geis­ti­ge Schatz fin­den. Infor­ma­ti­on und Trans­for­ma­ti­on, per­sön­li­che Betei­li­gung sowie Kon­tem­pla­ti­on und Erfah­ren füh­ren unmerk­lich näher zur Fülle. Denn wer tief gräbt, der fin­det das Was­ser.

Für wirk­li­chen spi­ri­tu­el­len Fort­schritt muss man auch im eige­nen Leben durch ähn­li­che Auf­ga­ben, Kämp­fe und Fall­stri­cke hin­durch­ge­hen. In die­sem Laby­rinth aber wächst dank der tra­gen­den spi­ri­tu­el­len Umge­bung nicht der Schre­cken des ent­frem­de­ten Daseins, son­dern unse­re weise Ein­sicht, statt der Ängs­te meh­ren sich die Erkennt­nis­se. Wäh­rend die Illu­si­on sich lich­tet, wird das Ziel immer kla­rer. Mag sein, dass der Ein­gang die­ses Laby­rinths dies­seits liegt, doch der Aus­gang liegt jen­seits. Unter­wegs gelan­gen wir von uns selbst – zu unse­rem wah­ren Selbst.

Ein Jahr – wie das ganze Leben… Der Früh­ling ist die Jugend, mit ihrer Fri­sche und Unschuld. Der glü­hen­de Som­mer ist der Mit­tag des Lebens, mit Rei­fen und Leuch­ten. Der Herbst ist der frucht­ba­re Reich­tum, mit sei­ner Fülle und sei­nem Vor­sor­gen, der Win­ter aber, mit sei­nem Rück­zug und sei­nem Still­wer­den, die schnee­wei­ße, geläu­ter­te Rein­heit. Nicht die Zeit ver­geht – wir rei­fen.

Tage und Näch­te, Som­mer und Win­ter lösen ein­an­der ab, Jah­res­zei­ten zie­hen vor­über und Lebens­al­ter ver­ge­hen, doch es gibt etwas, das sich nie­mals ändert… Der Erfah­ren­de ändert sich nicht, und das Erfah­ren ändert sich nicht. Diese bei­den aber knüpft der Gegen­stand der Erfah­rung zusam­men. Der Erfah­ren­de ist der Mensch, der geis­ti­ge Mensch; das Erfah­ren ist das Wir­ken der Ver­nunft und des intui­ti­ven Ver­mö­gens. Der Gegen­stand der Erfah­rung schließ­lich ist das Mys­te­ri­um des Lebens selbst, nun aber ist das Leben ein zu gro­ßes Wun­der, als dass wir es mit ein paar plat­ten Theo­rien abtun dürf­ten…

Wer sich selbst und sei­nen spi­ri­tu­el­len Frie­den sucht, ist am rech­ten Ort. Wer prak­ti­sche Lebens­weis­heit und weit­rei­chen­de Aus­bli­cke sucht, der ist am rech­ten Ort. Wer in sich selbst den Weg zu den ande­ren sucht, ist am rech­ten Ort, und wer statt des Ver­gäng­li­chen das Blei­ben­de sucht, der ist eben­falls am rech­ten Ort. Ihnen wird die­ser Weg­wei­ser von Nut­zen sein. Ein mit­tel­lo­ser Narr bricht auf, und ans Ziel gelan­gen wird ein rei­cher Wei­ser, der unter­wegs erkennt, welch große Schät­ze er besitzt.

Ratschläge zum Gebrauch

Im Pro­zess der Erkennt­nis las­sen sich zwei grund­le­gen­de Metho­den unter­schei­den. Die eine ist die auf Beob­ach­tung grün­den­de, empi­ri­sche, man könn­te sagen objek­ti­ve Metho­de, bei der der Beob­ach­ter außer­halb des beob­ach­te­ten Phä­no­mens steht und mess­ba­re, beleg­ba­re Fest­stel­lun­gen trifft. Die ande­re ist die phä­no­me­no­lo­gi­sche Metho­de, bei der sich der Beob­ach­ter in die Situa­ti­on hin­ein­ver­setzt und durch inne­re, unmit­tel­ba­re Erfah­run­gen zu spür­ba­ren, intui­ti­ven Erkennt­nis­sen zu gelan­gen sucht. Ist die ers­te­re Metho­de objek­tiv, so kön­nen wir die letz­te­re ihrer Natur nach sub­jek­tiv nen­nen.

Eine tref­fen­de Meta­pher für das mensch­li­che Leben ist das Laby­rinth. Es hat einen Anfang und ein Ende, es win­det sich lange dahin, ist reich an Wen­dun­gen, lockt oft mit einem Erfolg, der sich spä­ter als bloße Illu­si­on her­aus­stellt, doch am Ende kann man aus ihm hin­aus­fin­den. Im Laby­rinth kann man sich nicht ver­ir­ren. Man muss nur immer wei­ter­ge­hen, und frü­her oder spä­ter gelangt man hin­aus.

Objek­tiv lässt sich über ein Laby­rinth vie­les sagen: Wir kön­nen von sei­nem Auf­bau spre­chen, von sei­ner Länge, sei­nen his­to­ri­schen Tra­di­tio­nen und Vor­läu­fern, sei­ner sym­bo­li­schen Bedeu­tung. Doch allein aus der Theo­rie wer­den wir nie ver­ste­hen, mehr noch, nie erfah­ren, wie ver­lo­ren man sich an die­ser oder jener Bie­gung fühlt, zu wel­chen Erkennt­nis­sen man in der Mitte des Laby­rinths gelangt und wie trü­ge­risch die Hoff­nung ist, nur noch weni­ge Schrit­te trenn­ten einen vom Aus­gang, wenn noch ein Weg von meh­re­ren hun­dert Schrit­ten vor einem liegt. Dazu müs­sen wir das wirk­li­che Laby­rinth betre­ten, müs­sen das Mys­te­ri­um des sich lang hin­win­den­den Gan­ges erfah­ren, die Art, wie der auf­ge­roll­te Pfad den Raum krümmt, die Zeit dehnt und den Men­schen ver­zau­bert.

Die­ses Buch ist ein mehr­di­men­sio­na­les geis­ti­ges Laby­rinth. Schein­bar ist es eine Folge gut les­ba­rer Medi­ta­tio­nen, doch weit mehr als das. Schein­bar ist es eine kalen­der­ar­ti­ge Weis­heits­samm­lung, doch viel mehr als das. Schein­bar ist es eine Reihe von Daten, Titeln und Gedan­ken, doch mehr noch als das. Die­ses Laby­rinth bis zum Ende zu durch­schrei­ten ist ein wirk­li­ches phä­no­me­no­lo­gi­sches Expe­ri­ment, in dem wir selbst Objekt der Beob­ach­tung sind, zugleich aber auch ihr Sub­jekt. Die Texte sind nur Werk­zeu­ge für Erkennt­nis­se, die Daten nur Anhalts­punk­te für das Vor­an­kom­men.

Es exis­tie­ren zahl­lo­se Werke, die die Weis­hei­ten gro­ßer Den­ker oder jahr­hun­der­te­al­ter geis­ti­ger Tra­di­tio­nen anein­an­der­rei­hen, ver­teilt auf alle Tage des Jah­res. Zwei­fel­los ist es lehr­reich, über diese Gedan­ken zu medi­tie­ren, doch im vor­lie­gen­den Fall geht es um mehr. Die Texte bil­den ein sys­te­ma­ti­sches Gefü­ge, rei­hen sich in meh­re­ren Schich­ten anein­an­der und knüp­fen neben den hori­zon­ta­len Zusam­men­hän­gen auch ein ver­ti­ka­les Netz. Zur Zeit­struk­tur, die sich in den Daten zeigt, und zur Raum­struk­tur der Text­fol­ge kommt eine zusätz­li­che geis­ti­ge Dimen­si­on hinzu, in der die Inten­si­tät der The­men, der infor­ma­ti­ve oder auch intro­spek­ti­ve Strang der Texte ver­bor­ge­ne Ver­bin­dungs­ka­nä­le schaf­fen.

In die­sem Laby­rinth fin­den sich zwei­mal zwölf Seg­men­te. Das erste Sys­tem ist die Abfol­ge der Stern­zei­chen, die den gan­zen Jah­res­kreis in zwölf Tier­kreis­mo­na­te teilt. Das ist ein Ele­ment der Zeit­struk­tur. Die Erd-, Was­ser-, Feuer- und Luft­zei­chen tra­gen natur­ge­mäß ihre ele­men­ta­ren Eigen­schaf­ten, was durch die Eigen­schaf­ten der kar­di­na­len, der fixen und der beweg­li­chen Zei­chen ergänzt wird. So zei­gen die zwölf Tier­kreis­mo­na­te eine Glie­de­rung von vier­mal drei. Auch die Jah­res­zei­ten umfas­sen je drei Mona­te, und bemer­kens­wert ist auch die Tei­lung des Jah­res­krei­ses in zwei Hälf­ten: zwi­schen der Früh­lings- und der Herbst-Tag­und­nacht­glei­che die Zeit des Som­mers, zwi­schen der Herbst- und der Früh­lings-Tag­und­nacht­glei­che die Zeit des Win­ters. Außer­dem gel­ten der Reihe nach die Zei­chen von Löwe bis Stein­bock als Tag- oder Son­nen­zei­chen, dann die Zei­chen von Was­ser­mann bis Krebs als Nacht- oder Mond­zei­chen.

Ob wohl die Som­mer­hälf­te die Erschei­nun­gen der Win­ter­hälf­te wider­spie­gelt? Über­ra­schen­der­wei­se sind die bei­den Halb­jah­re nicht gleich lang. Vom ers­ten Tag des Wid­ders (21. März) bis zum letz­ten Tag des Zei­chens Jung­frau (22. Sep­tem­ber) gerech­net ver­ge­hen hun­dert­sechs­und­acht­zig Tage – das ist das Som­mer­halb­jahr, in dem die schein­ba­re Bahn der Sonne über dem Äqua­tor ver­läuft. Dage­gen sind es vom ers­ten Tag des Zei­chens Waage (23. Sep­tem­ber) bis zum letz­ten Tag der Fische (20. März) hun­dert­neun­und­sieb­zig Tage, auch mit dem alle vier Jahre fäl­li­gen Schalt­tag nur hun­dert­acht­zig.

Die Tag­und­nacht­glei­chen ste­hen für die Gegen­wart, für das Gleich­ge­wicht.

Den Früh­lings­punkt haben wir als Anfangs­punkt des Jah­res­krei­ses gesetzt, denn er ist der Beginn des ers­ten Zei­chens des Zodi­aks, der erste Tag des astro­no­mi­schen Früh­lings und der unver­än­der­li­che Tag, den man zur Berech­nung von Ostern braucht. (Der Früh­lings­punkt wan­dert infol­ge der Prä­zes­si­ons­be­we­gung der Erde, und eigen­tüm­li­cher­wei­se tritt er im 21. Jahr­hun­dert astro­no­misch am 20. März, ab 2048 sogar am 19. März ein, doch davon haben wir bei der Zusam­men­stel­lung abge­se­hen.)

Den Früh­lings­punkt kön­nen wir auch als Beginn des sym­bo­li­schen Lebens­we­ges betrach­ten, wenn der Mensch aus dem Unma­ni­fes­tier­ten einen Leib annimmt, zur Welt kommt. Beson­ders bemer­kens­wert ist das Ver­hält­nis zwi­schen den neun Mona­ten der mensch­li­chen Gesta­ti­ons­zeit und den zwölf Mona­ten des gan­zen Jah­res­krei­ses.

Betrach­ten wir das erste Stern­zei­chen, den Wid­der, als mythi­schen Beginn des mensch­li­chen Lebens­we­ges, so erstre­cken sich die neun Mona­te des vor­ge­burt­li­chen Daseins zwi­schen zwei Feu­er­zei­chen, zwi­schen Wid­der und Schüt­ze, über drei­mal drei Mona­te. Das Bemer­kens­wer­te an die­sen drei Peri­oden ist, dass dem ers­ten Abschnitt – den drei Mona­ten der Zei­chen Wid­der, Stier, Zwil­lin­ge – das Was­ser­ele­ment fehlt, in der Folge der zwei­ten drei Mona­te – Krebs, Löwe, Jung­frau – das Luft­ele­ment fehlt, wäh­rend die Reihe der drit­ten drei Mona­te – Waage, Skor­pi­on, Schüt­ze – das Erd­ele­ment ent­behrt. Ein­zig das Feu­er­ele­ment beglei­tet das Unge­bo­re­ne die ganze Schwan­ger­schaft hin­durch.

Dage­gen ver­kör­pern die drei Mona­te Stein­bock-Was­ser­mann-Fische, die vom gan­zen Jah­res­kreis noch blei­ben, gera­de die bis dahin feh­len­den Ele­men­te – das Erd-, Luft- und Was­ser­ele­ment – und ver­mit­teln sie dem Kind gleich­sam nach sei­ner Geburt. Diese drei Mona­te sind also die Phase der äuße­ren Aneig­nung des Erd-, Luft- und Was­ser­ele­ments, in der der Mensch ganz wird, fast ein über­mensch­li­cher Mensch, nach­dem er nun alle zwölf Mona­te des vol­len Jah­res­zy­klus absol­viert hat. Auf prak­ti­scher Ebene bezeich­net der Abschnitt Stein­bock-Was­ser­mann-Fische die drei gol­de­nen Mona­te nach dem Ein­tritt in die Welt.

Neben den Tag­und­nacht­glei­chen spie­len auch die Son­nen­wen­den eine her­aus­ra­gen­de Rolle.

Die Tage vor und nach dem Tag der Win­ter­son­nen­wen­de – zusam­men also diese drei Tage – sind die dun­kels­te Zeit des Jah­res, die die kür­zes­ten Tage und die längs­ten Näch­te bringt, man könn­te sagen, das Maxi­mum an feh­len­dem Licht. Zu die­ser Zeit steht die Sonne am tiefs­ten, da berührt sie den Wen­de­kreis des Stein­bocks. Die Win­ter­son­nen­wen­de ist die Ver­kör­pe­rung der Ver­gan­gen­heit, zugleich eine dem Geden­ken der Ahnen geweih­te Zeit. Doch gera­de dann wen­det sich die Son­nen­bahn nach Nor­den, des­halb beginnt mit der Win­ter­son­nen­wen­de der Weg der Göt­ter, das heißt die nörd­li­che, nach Nor­den stre­ben­de Bahn der Sonne, die als güns­ti­ge Zeit gilt.

Die Som­mer­son­nen­wen­de dage­gen ist die Zeit des längs­ten Tages und der kür­zes­ten Nacht. Und doch zieht sich die Sonne gera­de dann von ihrem höchs­ten Stand im Nor­den, dem Wen­de­kreis des Kreb­ses, zurück. Das ist der Beginn des Weges der Ahnen, der süd­li­chen Rich­tung der Son­nen­bahn.

Neben dem Zodi­ak ist das zwei­te Zwöl­fer­sys­tem die Glie­de­rung nach The­men­krei­sen, die von der uni­ver­sel­len Phi­lo­so­phie bis zu den Gesprä­chen mit dem Leh­rer reicht.

  1. uni­ver­sel­le Weis­heit, Phi­lo­so­phie
  2. Yoga, indi­sche Tra­di­ti­on
  3. Tra­di­tio­nen, Reli­gio­nen, geis­ti­ge Wege
  4. Mys­tik, Intui­ti­on, Inspi­ra­ti­on
  5. Welt­sicht, Wand­lung, Spi­ri­tua­li­tät
  6. Frei­heit, Knecht­schaft, Erleuch­tung
  7. Schön­heit, Liebe, Kunst, Gleich­ge­wicht
  8. Zah­len, Ele­men­te, posi­ti­ve Wis­sen­schaf­ten
  9. Bei­spie­le aus der Natur
  10. Selbst­er­kennt­nis, Selbst­be­wusst­heit, indi­vi­du­el­le Ent­wick­lung
  11. mensch­li­che Bezie­hun­gen, mensch­li­che Eigen­hei­ten
  12. Gesprä­che mit dem Leh­rer, Meis­ter und Jün­ger

Neben die­ser aus­führ­li­chen Glie­de­rung zeich­nen sich drei umfas­sen­de­re Kate­go­rien ab: das Sein, das Bewusst­sein und die Glück­se­lig­keit.

Sein

Die Wahr­heit exis­tiert, das stellt die Phi­lo­so­phie fest, die Weis­heits­leh­re. Das ist die exis­ten­zi­el­le Grund­le­gung. Die Lehr­sät­ze, das Wis­sen, das Fak­ti­sche, die Tat­sa­chen der Spi­ri­tua­li­tät las­sen sich alle hier­her zäh­len. Die Phi­lo­so­phie zeigt die Wirk­lich­keit auf und zugleich auch die Gren­zen. Das erste oder klei­ne­re Mys­te­ri­um gehört hier­her, wenn statt der Tat­sa­chen der Außen­welt die Wirk­lich­keit der spi­ri­tu­el­len Werte wich­ti­ger wird. Von den spi­ri­tu­el­len Übun­gen gehört die Medi­ta­ti­on hier­her.

Bewusstsein

Das Bewusst­sein dient dem Erken­nen der Wahr­heit, es ist das Mit­tel, die von der Phi­lo­so­phie fest­ge­stell­ten Tat­sa­chen zu ver­wirk­li­chen. Über das Ver­ste­hen hin­aus bringt es die Mög­lich­keit eige­ner, unmit­tel­ba­rer Erfah­rung, führt zu weit tie­fe­ren Erkennt­nis­sen als das bloß intel­lek­tu­el­le Ver­ste­hen. Die Bewusst­heit zeigt die mora­li­sche Ver­ant­wor­tung der Exis­tenz auf und ist mit dem grö­ße­ren Mys­te­ri­um gleich­zu­set­zen, dem Vor­an­schrei­ten zur Mitte. Von den spi­ri­tu­el­len Erschei­nun­gen gehört die Offen­ba­rung hier­her, wenn wir dank unse­rer spi­ri­tu­el­len Übun­gen zu Erkennt­nis­sen gelan­gen.

Glückseligkeit

Das Glück ist die Ebene der Schön­heit, darum ist es der Kunst, der Ästhe­tik, der aus der Fülle ent­sprin­gen­den Har­mo­nie eigen. Es bedeu­tet nicht sinn­li­che Freu­den, son­dern die spi­ri­tu­el­le Zufrie­den­heit des Selbst, eine Art seli­gen Zustand. Das ist das drit­te oder letz­te Mys­te­ri­um, wenn der Mensch nach dem Rich­tungs­wech­sel und dem Vor­an­schrei­ten zur Mitte end­lich ans Ziel gelangt und auf eine höhe­re Stufe steigt. Von den spi­ri­tu­el­len Übun­gen gehört die Anbe­tung hier­her, wenn die gewon­ne­nen Erkennt­nis­se den Men­schen zur Tätig­keit anspor­nen und er das Gute übt.

Diese drei gro­ßen geis­ti­gen Strän­ge las­sen sich in den Tex­ten ent­de­cken. Wir kön­nen sagen, jeder Text spricht von der Phi­lo­so­phie und ruft zur Übung auf, doch wir kön­nen auch sagen, jeder Text lehrt Selbst­er­kennt­nis. Die Selbst­re­fle­xi­on, das Bedürf­nis nach indi­vi­du­el­ler Ent­wick­lung, das Üben der Selbst­er­kennt­nis zie­hen sich wie ein roter Faden durch das Buch. Die Grund­le­gung des Wis­sens beglei­tet uns bis zum tiefs­ten Punkt, sie geht mit dem Men­schen selbst in die tiefs­ten Krei­se der Fins­ter­nis. Die Erkennt­nis aber keimt oft aus der Tiefe und hebt empor bis zu den höchs­ten Ebe­nen – darum ist sie mensch­lich, zutiefst mensch­lich.

Wir kön­nen auch sagen, Sein, Bewusst­sein und Glück­se­lig­keit, oder Theo­rie, Pra­xis und Erkennt­nis, oder auch Ver­ste­hen, Ver­wirk­li­chung und unmit­tel­ba­re Erfah­rung jagen ein­an­der in den Tex­ten wie die Moti­ve einer baro­cken Fuge.

Aus­wahl und Anord­nung der Texte fol­gen eigen­tüm­li­chen Mus­tern. Schein­bar rei­hen sich die Kalen­der­ta­ge anein­an­der, doch wir kön­nen auch ver­bor­ge­ne ord­nen­de Prin­zi­pi­en ent­de­cken. Ver­ges­sen wir nicht, wir bewe­gen uns in einem drei­di­men­sio­na­len geis­ti­gen Laby­rinth, in dem zwi­schen den ein­zel­nen Tex­ten Ver­bin­dun­gen, Bezü­ge in jeder Rich­tung exis­tie­ren kön­nen! So reiht zum Bei­spiel das über­ein­an­der­ge­leg­te Dia­gramm der Drei­ecke, die die Feuer- und Was­ser­zei­chen des Zodi­aks bil­den, an sei­nen Schnitt- und Eck­punk­ten die Texte über die Ele­men­te auf, die aus­ge­wähl­ten Lehr­sät­ze der grie­chi­schen Weis­heit aber fin­den wir ent­lang der Linie eines neun­za­cki­gen Sterns. Das große her­me­ti­sche Sie­gel birgt die Reihe der Zah­len und so fort.

Neben den fak­ti­schen und beab­sich­tig­ten Ver­bin­dungs­net­zen sind zwi­schen den Tex­ten auch intui­ti­ve Bezü­ge mög­lich, die auf Asso­zia­ti­on und per­sön­li­chen Erkennt­nis­sen beru­hen. Das soll die Ent­de­ckung des For­schers, des Üben­den, des Laby­rinth­gän­gers sein. Bestimm­te The­men, The­men­krei­se grü­ßen immer wie­der aufs Neue, denn es ist gar nicht das Ziel, einen Fra­gen­kreis ein ein­zi­ges Mal und voll­stän­dig aus­zu­schöp­fen. So kommt die ver­ti­ka­le Glie­de­rung der Fra­gen­krei­se zustan­de, denn wenn wir das­sel­be Thema beim nächs­ten Mal einer inten­si­ve­ren, tie­fer gehen­den Ana­ly­se unter­zie­hen oder wir selbst zu ver­stän­di­ge­ren, gründ­li­che­ren For­schern wer­den, dann kön­nen sich neue Per­spek­ti­ven eröff­nen, ja, die­sel­ben Sätze bedeu­ten dann schon mehr.

Der mythi­sche Kalen­der zählt zwölf Mona­te und drei­hun­dert­sech­zig Tage, wäh­rend unser tat­säch­li­cher Kalen­der drei­hun­dert­fünf­und­sech­zig Tage zählt und von Zeit zu Zeit durch das Ein­fü­gen von Schalt­ta­gen der Kor­rek­tur bedarf. Der Unter­schied zwi­schen der Zahl der Tage im mythi­schen und im tat­säch­li­chen Kalen­der ist drei­hun­dert­sechs­und­sech­zig – drei­hun­dert­sech­zig = sechs, weil wir auch den Schalt­tag mit­zäh­len, und so neh­men sechs Texte einen beson­de­ren Platz ein.

Die Früh­lings-, Som­mer-, Herbst- und Win­ter­mo­na­te des mythi­schen Kalen­ders ste­hen für die über­lie­fer­te Zeit­fol­ge von Ver­gan­gen­heit, Gegen­wart und Zukunft, wäh­rend die übri­gen Tage eine vier­te Zeit­pha­se anzei­gen, die ewige Zeit. Die Jah­res­zei­ten ver­tei­len sich nach den Stern­zei­chen, die übri­gen sechs Tage aber sind uni­ver­sell, eine Summe der ele­men­ta­ren Eigen­schaf­ten der Zei­chen, und ste­hen für das Auß­er­zeit­li­che.

Wie durchwandern wir dieses geistige Labyrinth?

Die ein­fachs­te Metho­de, die den­noch die größ­te Beharr­lich­keit ver­langt, ist, sich an die Rei­hen­fol­ge der Tage zu hal­ten – für jeden Tag eine Weis­heit. Das scheint nicht kom­pli­ziert, und doch erfor­dert es außer­or­dent­li­che Stand­haf­tig­keit, es kon­se­quent durch­zu­hal­ten. Einen Text aus­zu­las­sen, zu über­sprin­gen, lohnt nicht, ihn nach­zu­ho­len ist fast unmög­lich. Die Medi­ta­ti­on muss in unse­ren Tages­ab­lauf ein­ge­baut wer­den, ein Jahr lang müs­sen wir die­ser Medi­ta­ti­on jeden Tag die nöti­ge Zeit und Auf­merk­sam­keit wid­men. Womit dür­fen wir als Lohn für die­ses beharr­li­che Üben rech­nen?

Mag sein, dass wir an uns keine lau­ten äuße­ren Ver­än­de­run­gen wahr­neh­men wer­den, doch gewiss ist, dass ein ande­rer Mensch aus dem geis­ti­gen Laby­rinth her­aus­tritt als der, der ein Jahr zuvor ein­ge­tre­ten ist.

Unter­wegs kön­nen wir auch über die Art unse­res Den­kens nach­den­ken, was wir sonst nur sehr sel­ten tun. Durch die Kon­tem­pla­ti­on wird unser Blick für das Wesent­li­che stär­ker, und viel­leicht setzt auch jene feine inne­re Wand­lung ein, dank derer wir eine fei­ne­re Welt um uns sehen und auf die Impul­se, die uns tref­fen, nuan­cier­te­re Ant­wor­ten geben kön­nen. Fein­füh­li­ger kön­nen wir die klei­nen Wun­der erken­nen, nüch­tern alles mei­den, was unse­re Ent­wick­lung hemmt, und dage­gen üben, was sie för­dert.

Zum Gelin­gen des Lebens braucht es Auf­rich­tig­keit, Ernst­haf­tig­keit und Mut, und indem wir die­ses Laby­rinth durch­schrei­ten, kön­nen wir in die­sen Tugen­den wach­sen.

Wenn wir nicht jeden ein­zel­nen Tag unse­ren Medi­ta­tio­nen Auf­merk­sam­keit wid­men kön­nen, dür­fen wir die Texte auch gele­gent­lich lesen. Die Medi­ta­ti­on für den jewei­li­gen Kalen­der­tag kön­nen wir auch als Bot­schaft des Tages, als Motto betrach­ten. Wir kön­nen uns sogar ganz von den Daten lösen, den Band ein­fach auf­schla­gen oder frei darin blät­tern, dem nicht exis­tie­ren­den Zufall frei­en Lauf las­sen und uns so einen guten Rat für den Tag suchen. Beson­ders inter­es­sant kann es sein, den Text zu unse­rem eige­nen Geburts­da­tum auf­zu­su­chen und zu beden­ken. In Gesell­schaft kann es ein gemein­sa­mes Erleb­nis sein, ein­an­der sol­cher­art ken­nen­zu­ler­nen.

Ein guter Rat aber gilt allen: weni­ger – ist mehr.

Es ist nicht rat­sam, meh­re­re Medi­ta­tio­nen auf ein­mal zu lesen, denn jedes Thema ver­dient eine auf­merk­sa­me, maß­vol­le Annä­he­rung. Es lohnt sich, jedem ein­zel­nen Text mehr Zeit und Auf­merk­sam­keit zu wid­men, auf unse­re Refle­xio­nen zu ach­ten, viel­leicht sogar Noti­zen zu machen. Erwei­sen wir den jewei­li­gen The­men die Ach­tung, und auch uns selbst, denn wenn wir durch die lan­gen Tage het­zen, lau­fen uns die kur­zen Jahre davon.

Swami Tir­tha

Luda­s­tó-Schu­le, 2022