Ein schneidend kalter Winterabend, früh dämmert es, im Park ist kaum ein Mensch unterwegs. Zu solcher Stunde zieht sich jeder in einen warmen Winkel zurück, trinkt etwas Heißes und sinnt dabei der Vergänglichkeit nach, oder er wartet auf den Hauch des Frühlings, der noch so fern scheint.
Im Schatten der Baumriesen strebt eine kleine Gesellschaft einem besonderen Winkel des Parks zu, Männer und Frauensleute, Ältere und Junge. Auf den ersten Blick lassen sich nur ein Felsgipfel und seine Schatten erahnen, tritt man näher, entfaltet sich das Bild: Der Felsbau ist ein wahres Labyrinth auf mehreren Ebenen – ein wirres Geflecht von Sälen, Treppen, Springbrunnen und Aussichtsplattformen, die sich ineinander öffnen. Innerhalb des feinen schmiedeeisernen Zauns hält die Gesellschaft an, alle stellen sich im Kreis auf, den Blick auf ihren Seelenführer gerichtet. Sie sind aus der Außenwelt gekommen, doch hinter dem Zaun umgibt sie schon eine fein gefilterte Welt. Indem jeder ein Räucherstäbchen darbringt, weihen sie ihr Vorhaben. Ihr Seelenführer gibt jedem ein duftendes Räucherstäbchen in die Hand. An einer gemeinsamen Flamme zündet jeder das seine an, die Kraft eines einzigen Feuers bringt sie alle zum Glühen.
Am Zaun entlang, unter den Büschen, stecken sie die Räucherstäbchen in die Erde, ihr Duft steigt zum Himmel auf. Den schön gepflasterten Platz bedeckt nasser Schnee, überall Matsch. Als überquerten sie ein eisiges Meer, machen sie sich schlitternd auf den Weg zur Säulenhalle und stellen sich im Kreis auf, am Kraftfeld des Mandala-Schmucks im Mosaikmuster entlang.
Der Seelenführer legt dem Labyrinthgänger neben sich einen geheimen Schatz in die Hand; scheu beäugt dieser ihn in seiner Handfläche, damit ihn ja kein anderer sieht, und reicht ihn dann an seinen Nachbarn weiter. Langsam macht der Schatz die Runde – der Zeitstein. Das Zeichen der vergehenden Zeit ist auf einen größeren Kiesel gemalt. Den Raum haben sie schon überwunden, denn sie haben die Außenwelt hinter sich gelassen, nun hat ihnen der Zeitstein den Schlüssel zur Ewigkeit in die Hand gegeben.
Immer rundherum sich windend, machen sie sich auf einer engen Wendeltreppe auf den Weg nach oben, einer nach dem anderen, im Dunkeln tastend. Auf der ersten Ebene gelangen sie in die überwölbte Mittelhalle, die mit eigenartigen, räumlich-perspektivisch bemalten Deckenkassetten geschmückt ist. Das ist die Kreiselburg… Ihr Führer fischt aus seinem Beutel den aus Holz gedrechselten Kreisel hervor. Auf dem Pflaster dreht ihn jeder der Reihe nach an, beim einen kreist er so, beim anderen so… Als wäre auch das Leben ein Kreislauf: Für den einen Menschen endet er früher, für den anderen dreht er sich ungehindert, lange, ausgewogen. Als sie weitergehen, gelangen sie in eine kleine Höhle, die an eine wahre Kapelle erinnert und als heiliger Ort der Meditation dient. An ihrer Wand ein Heiligenbild: ein betender Mönch, vor dem jeder das Haupt neigt. Sie bringen ein brennendes Weihrauchopfer dar, und wie der duftende Rauch durch den Schacht der Höhle zum Himmel steigt, so erhebt sich auch ihr Bewusstsein… Das ist die Höhle der heiligen Heilungen, sie empfangen eine duftende Salbung, ihr Gebet um Heilung und Läuterung wird erhört: Tropfen vom Wasser des Lebens fallen aus der Höhe des Schachts auf sie herab.
Schließlich klettern sie auf die höchste Terrasse hinauf, hier sehen sie Himmelspaläste und wissen, sie sind in den himmlischen Sphären angekommen. Sie blicken auf den Weg zurück, den sie gekommen sind, und der Duft der Räucherstäbchen, die den Raum abgrenzen, vermischt sich mit dem Rauch des sühnenden Weihrauchopfers. In dieser himmlischen Duftwolke schwingt sich der Seelenvogel auf, sie lassen einen aus Metall gearbeiteten Albatros an einer Schnur fliegen, doch es ist, als flöge das glitzernde Geschöpf von selbst. Eine Zeitlang bleiben sie auf der Anhöhe und genießen die Erhabenheit des geistigen Horizonts, dann brechen sie langsam auf, zurück vom Himmel zur Erde, zurück in die Welt. Wie die Großen – Buddha, Zarathustra, Jesus – stets in die Welt zurückkehren, zu den Menschen, so sinken auch sie zurück in die Welt des Alltags. Doch nun anders: den Raum überwunden, die Zeitlosigkeit in Besitz genommen, im Bewusstsein erhoben und gewappnet mit einer himmlischen Botschaft, mit Überzeugung und Hoffnung: Das Labyrinth ist kein Irrgarten…