Ist in dieser Welt der Ungewissheit noch eine Frage in uns geblieben, so stellen wir erneut zwei! Welchen kosmischen oder metaphysischen Horizont hat das irdische Dasein für den Einzelnen und für die ganze Menschheit? Welche Rolle spielt die Religion im postmodernen Zeitalter? Die lakonische Antwort: Verfall und Aufstieg, sowie Ausweg…
Verfall und Aufstieg
Wie eine verzauberte Beutemaus steht der Mensch erstarrt im Strahl des bannenden Blicks der Zeitschlange und erwartet so seine Bestimmung. Vergebens das scheinbar selbstvergessene Tun oder der fieberhafte Eifer, vergebens die Freude am Ortswechsel auf dem zusammengeschrumpften Planeten, geistig und spirituell tritt der Mensch zumeist auf der Stelle. Geschäftiges Treiben wie erstarrte Untätigkeit sind gleichermaßen Strategien, dem Verfall zu entgehen. Wenn das Weltall der Vernichtung zutreibt, dann sind auch das Raumschiff Erde und der Mensch, der auf ihm reist, keine Ausnahme von dieser Gesetzmäßigkeit. Das vergeudete Leben treibt dem Verfall zu. Gegenüber dieser verhängnisvollen Vernichtungsvorstellung des Materialismus eröffnet die Spiritualität ganz andere Horizonte. Der Neuplatoniker Plotin zum Beispiel erklärt in den Enneaden: „Das Leben ist die Energie des Geistes (VI.9.17.), die Energie des Guten, vom Geist begrenzt“ (VI.7.21.6.), und so dürfen wir zu Recht eine erhabene Aufgabe des Lebens annehmen, die Reintegration in diese höhere geistige Ordnung. Numenios wiederum zitiert Plotins Meister Ammonios: „nicht der Körper besiegt (die Seele), sondern sie besiegt ihn, nicht als wäre sie im Körper wie in einem Sack, vielmehr ist der Körper in der Seele“. (Plotin: De nat. hom. 3.8.600.3.) Dieser jahrtausendealte Gedanke steht im Einklang mit der Ansicht des indischen Lehrers Swami Vivekananda, wonach der Mensch eher eine Seele ist, die einen Körper hat, als bloß ein Körper, der mitunter auch eine Seele haben kann.
Ausweg
Als wäre der Mensch in eine Falle geraten. Oder in einen Irrgarten, ein weit unerbittlicheres Gebilde als das Labyrinth. Das Ziel des Labyrinths ist nicht, sich zu verirren, sondern in die Mitte zu gelangen, die Transformation zu durchleben, die sich dort vollzieht, und dann wieder hinaus ins Freie zu finden, nun aber als vollständigerer Mensch, als Eingeweihter, der die Urangst vor der Dunkelheit bezwungen hat.
Im Labyrinth ist die erste Aufgabe, vertrauensvoll und mutig zu folgen, den Pfad ganz zu durchwandern. Die zweite und vielleicht furchterregendste Aufgabe ist, die Mitte zu erreichen. Die Mitte hat nur eine einzige Berufung, den Menschen bis zur Auflösung seiner eigenen inneren Wirrnis, seiner Ängste, seiner inneren Dunkelheit zu führen. Hier ruft der Mensch in das Dunkel hinein – in die Dunkelheit seines eigenen Unterbewusstseins –, dass es kein Ungeheuer gibt, keinen Dämon, nur Licht. Das ist in der Mitte des Labyrinths freilich erst eine Hoffnung, keine Gewissheit. Wirklichkeit wird es, wenn der Mensch sich nach draußen aufmacht und, den goldenen Faden der Vorsehung der Göttin in der Hand, den Pfad nun in umgekehrter Richtung durchwandert und wieder hinaus ans Tageslicht findet. Das ist die dritte Berufung des Labyrinths. Dann wird der eben noch erhoffte Satz Wirklichkeit: Es gibt keine Dunkelheit!, und der Mensch, im Besitz seiner Erkenntnisse und seiner Verwirklichung wiedergeboren, findet zurück zu seinem besseren Ich, zu sich selbst. So ist eine Einweihung hohen Ranges…
Die Religion sollte im Allgemeinen diese Rolle des Auswegs erfüllen. Nicht gesellschaftliche Wohltätigkeit, nicht bürgerschaftliches Engagement, nicht die Pflege kultureller Werte oder bloß moralische Erziehung ist die Aufgabe der Religion, sondern das Aufzeigen der metaphysischen Wirklichkeit und die Hilfe für die Praktizierenden, ans Ziel zu gelangen. Diese Aufgabe gilt auch im postmodernen Zeitalter.