– Ich behaup­te, es exis­tiert eine Ver­bin­dung zwi­schen den abso­lu­ten und den rela­ti­ven Sphä­ren des Welt­alls.

– Das würde auch ich gern glau­ben – sprach der ewig zwei­feln­de Jün­ger. – Doch wie soll ich es glau­ben?

– Im Netz des meta­phy­si­schen Bewusst­seins hängt alles mit allem zusam­men. Pla­ton fass­te bestimm­te Begrif­fe als Gegen­sät­ze auf, die doch in wech­sel­sei­ti­ger Bezie­hung zuein­an­der ste­hen, wie etwa das Wachen und den Schlaf. Sie sind Gegen­sät­ze zuein­an­der, und die Wech­sel­wir­kung, die vom einen ins ande­re hin­über­führt, ist das Ein­schla­fen bezie­hungs­wei­se das Erwa­chen. Ähn­lich sah er den Gegen­satz von Leben und Tod und die Vor­gän­ge des Ster­bens und der Wie­der­ge­burt. Wenn wir also die mate­ri­el­le Welt und das spi­ri­tu­el­le All als Gegen­sät­ze zuein­an­der anneh­men und auch vor­aus­set­zen, dass zwi­schen ihnen Wech­sel­wir­kun­gen bestehen, dann ist das nichts ande­res als Durch­läs­sig­keit, und zwar Durch­läs­sig­keit in beide Rich­tun­gen.

– Durch­läs­sig­keit in beide Rich­tun­gen? Wie soll ich das ver­ste­hen?

– Sym­bo­lisch kann ich es so fas­sen, von oben nach unten bezie­hungs­wei­se von unten nach oben. Den Vor­rang hat die Durch­läs­sig­keit, die von der nied­ri­ge­ren zur höhe­ren Ebene führt, das ist der Weg zum Heil. Doch wenn diese exis­tiert, dann exis­tiert auch ihr Gegen­teil, das heißt, die ande­re Rich­tung der Durch­läs­sig­keit ist der Weg des Stur­zes.

– Muss dann jeder glei­cher­ma­ßen hier­her?

– Das ist nicht gewiss. Die Durch­läs­sig­keit ist für die einen Sturz, für die ande­ren Beru­fung, Lebens­auf­ga­be. Denk an die Hel­den der Höl­len­fahrt, die in die Unter­welt hin­ab­stie­gen, um das Geheim­nis des Lebens zu ergrün­den oder ihre Lie­ben zu befrei­en. Auch Chris­tus stieg hinab in die Vor­höl­le – des­cen­sus ad infe­ros – um der See­len wil­len, die dort auf Erlö­sung war­te­ten. Ähn­lich steht es auch mit den Bod­hi­s­att­vas… Denen, die mit himm­li­scher Sen­dung auf die Erde kom­men, wird die­ser schein­ba­re Abstieg gera­de zum Mit­tel ihres Auf­stiegs.

– Und gibt es eine Rück­kehr? Denn einen Sturz ver­ste­he ich noch, aber zwi­schen den bei­den Wel­ten hin und her wan­dern?

– Nun, man­che Stre­ben­de kön­nen zwar um den Preis gewal­ti­ger Anstren­gun­gen weit kom­men und wer­den bei­na­he schon befreit, doch wenn ihrer Voll­kom­men­heit etwas fehlt, wer­den sie auf die Ebene des mate­ri­el­len Daseins zurück­ge­wor­fen. Aber ver­traue dar­auf, dass neben den vor­über­ge­hen­den Befrei­un­gen und Höl­len ein end­gül­ti­ges Heil exis­tiert.

– Und was ist das Wesen des Über­gangs? Auf wel­che Weise exis­tiert er?

– Die mys­ti­sche Sicht­wei­se erkennt die gött­li­chen Tat­sa­chen. Kos­mo­lo­gisch gren­zen die abso­lu­ten und die rela­ti­ven Sphä­ren des Welt­alls anein­an­der, was bedeu­tet, dass sie auch von­ein­an­der getrennt sind. Das Selbst ist der Grenz­damm…

– Das ver­ste­he ich noch nicht, aber ich ver­su­che, es anzu­neh­men.

– Recht so! Denk auch daran, dass die höchs­te Ebene der mate­ri­el­len Sphä­re die unters­te Schicht der spi­ri­tu­el­len Sphä­re berührt. Das ist eine Frage der kos­mi­schen Schau. Betrach­test du die Frage am ein­zel­nen Men­schen, so kann ich sagen, sein Chakra-Sys­tem ist zwi­schen den Sphä­ren-Ebe­nen des Alls ein­ge­bet­tet, und die mys­ti­schen Ener­gie­ka­nä­le, die von sei­nem Her­zen aus­ge­hen, schaf­fen eine Ver­bin­dung zwi­schen Mikro- und Makro­kos­mos.

– Das scheint ver­ständ­li­cher. Schließ­lich sind wir Teile die­ses Alls, oder nicht?

– Teile und zugleich keine. Der Kör­per ist aus Mate­rie genom­men, die Seele aber stammt aus der himm­li­schen Sphä­re – auch das lässt die Durch­läs­sig­keit ahnen. Aus Sicht der spi­ri­tu­el­len Pra­xis muss der Mensch sei­nen irri­gen Ego­is­mus abbau­en, wäh­rend sich seine spi­ri­tu­el­le Iden­ti­tät ent­fal­tet – hier berüh­ren sich die bei­den Welt­sphä­ren.

Die gro­ßen Hei­li­gen, die auf der himm­li­schen Barke des Diens­tes an Gott den Ozean der Unwis­sen­heit durch­quer­ten, nah­men die­ses Boot nicht mit sich, und so wiegt es sich noch immer am dies­sei­ti­gen Ufer.

– Und auf wel­che Weise lässt sich der Durch­gang nut­zen?

– Ja… die große Frage! Ist es die Anstren­gung oder der Weg der Gnade? Die mensch­li­che Anstren­gung ist not­wen­dig, aber nicht hin­rei­chend. Für den vol­len Erfolg ist bei­des not­wen­dig, die mensch­li­che Anstren­gung und eben­so die gött­li­che Gnade. So voll­zieht sich der Dimen­si­ons­wech­sel, die Ent­fer­nung zwi­schen dem Men­schen und Gott schrumpft. Die Sonne ist das Tor der Welt – Ein­gang für den Wei­sen, ver­schlos­se­ne Tür für den Unwis­sen­den.