Wenn wir die Ant­wort auf die Frage suchen, warum jemand den Athe­is­mus, fun­da­men­ta­lis­ti­sche Ansich­ten, eine echte Reli­gio­si­tät oder gar die erleuch­te­te Spi­ri­tua­li­tät zu sei­ner geis­ti­gen Grund­hal­tung wählt, dann muss unser Ver­dacht auf Art und Maß der spi­ri­tu­el­len Tugen­den und geis­ti­gen Erfah­run­gen fal­len, eben­so dar­auf, ob er im Stand der Gnade ist oder nicht. Solan­ge das erwa­chen­de Bewusst­sein nur die Wun­der der Welt erblickt, wird es in ihrem Bann leben, darin seine Freu­de fin­den. Ist die rech­te Vor­be­rei­tung da, ist es leicht zu glau­ben, ist sie nicht da, beginnt man leicht, an den eige­nen Unglau­ben zu glau­ben. Jeder wählt seine geis­ti­ge Nah­rung nach sei­ner inne­ren Nei­gung und wird sich an dem Ort zu Hause füh­len, der ihm gemäß ist. Wenn die Men­schen ohne Tugend leben, geht ihnen der Glau­be ver­lo­ren – eine ver­nünf­ti­ge Erklä­rung, aber eine furcht­ba­re Aus­sicht… oder viel­mehr eine schreck­li­che Gegen­wart. Ein her­aus­ra­gen­der Meis­ter der jüngs­ten Ver­gan­gen­heit, Swami B. R. Srid­har, ein ange­se­he­ner Leh­rer der ben­ga­li­schen Vaishna­va-Tra­di­ti­on, schreibt:

Der Mensch erwacht infol­ge sei­ner frü­her ange­sam­mel­ten from­men Taten, sei­ner inne­ren Anpas­sungs­fä­hig­keit sowie der gött­li­chen Gnade, die auf ihn her­ab­kommt. Eine gewis­se Anzie­hung regt sich in ihm, und dank die­ser Anzie­hung fin­det er die Umge­bung, die ihm gemäß ist. Nach sei­ner inne­ren Nei­gung wählt er sein Umfeld. Was ihn anzieht, wird ihn len­ken, seine Intui­ti­on wird ihn füh­ren. Die Intui­ti­on wirkt auf der mate­ri­el­len Ebene wie auch im gott­ver­bun­de­nen Leben – sie ist die noch unent­deck­te inne­re Anla­ge der Seele, und sie wird die Arbeit tun, aus­zu­wäh­len, die alten Ideen auf­zu­ge­ben und die neuen anzu­neh­men. (Swami B. R. Srid­har: Die gol­de­ne Lei­ter 4. Prü­fung, Geschmack, Sieg)

Wenn die Devi­anz zur Haupt­strö­mung wird, dann wird das Devi­an­te zum Nor­ma­len und das Nor­ma­le zum Devi­an­ten. Die heu­ti­ge Ver­fas­sung von Bewusst­sein und Moral wäre, sagen wir, im Zeit­al­ter der Gotik undenk­bar gewe­sen: dass die Men­schen nicht an Gott glau­ben, dass nicht ihr Glau­be ihre Welt­sicht und ihr Ver­hal­ten bestimmt, dass sie nicht nach dem ewi­gen Leben im Jen­seits stre­ben? Das wäre, gemes­sen am Den­ken und an der Welt­sicht der dama­li­gen Haupt­strö­mung, ein so devi­an­tes Ver­hal­tens­mus­ter gewe­sen, dass man es nicht hätte begrei­fen kön­nen, so wie heute so man­cher Den­ker nicht begreift, dass jemand sein eige­nes Leben vom Glau­ben her bestimmt. In bestimm­ten Zei­ten und Kul­tu­ren ist die Reli­gi­on die Haupt­strö­mung und der Athe­is­mus das Devi­an­te. Zu ande­ren Zei­ten scheint sich die­ses Ver­hält­nis umzu­keh­ren, und was bis dahin Ver­ir­rung war – näm­lich die Got­tes­leug­nung –, nimmt nun den Platz der vor­neh­men Haupt­strö­mung ein, und wer noch glaubt, gilt als bedau­erns­wer­ter Ver­irr­ter oder gar als gefähr­li­cher, sys­tem­feind­li­cher Dis­si­dent und wird als devi­ant gebrand­markt. Doch bekannt­lich gibt es im abstür­zen­den Flug­zeug kei­nen Athe­is­ten…

Mag sein, dass Begriff und Pra­xis der Reli­gio­si­tät gerei­nigt wer­den müs­sen von den Feh­lern, Irr­tü­mern und Schnör­keln, die sich auf ihnen ange­sam­melt haben. Ver­wech­seln wir nicht die ideo­lo­gi­schen Ver­zer­run­gen mit der rei­nen Tran­szen­denz, die Schwä­chen der Men­schen mit der gött­li­chen Wirk­lich­keit, die Ver­blen­dung mit dem Erleuch­tet­sein, die Phy­sik mit der Meta­phy­sik! Nicht im Dun­kel des geschicht­li­chen Schat­tens wol­len wir Reli­gi­on und Glau­ben beur­tei­len, son­dern im rei­nen Licht der vol­len Erleuch­tung!

Des­halb muss die erneu­er­te Reli­gi­on über den Reli­gio­nen ein gefes­tig­tes spi­ri­tu­el­les Erfah­ren sein, ver­mit­telt durch ein kohä­ren­tes Sys­tem, das auf dem wirk­lich­keits­ge­treu­en Erken­nen der Grund­prin­zi­pi­en von Exis­tenz, Bewusst­sein und Glück­se­lig­keit beruht – ein Erfah­ren, das von den höchs­ten intel­lek­tu­el­len Fähig­kei­ten des Men­schen begrün­det, von per­sön­li­chen Erkennt­nis­sen und inne­rem Erle­ben gestützt, durch die erfolg­rei­che Anwen­dung auf die prak­ti­schen Bedürf­nis­se des Lebens mit Beweis­kraft bestä­tigt wird und mit den Nor­men der hei­li­gen Tra­di­ti­on über­ein­stimmt.