Wenn du Leben gibst, gibst du auch den Tod… – Mann und Frau, hast du schon einmal darüber nachgedacht? Die Wonne und das Feuer der Zeugung laden die Vergänglichkeit ein, schüren auch das Feuer des Scheiterhaufens. Wenn du eine Seele ins irdische Dasein einlädst, damit sie geboren wird, hast du sie damit zum Sterben eingeladen. Mit dem Mysterium des Lebens und der Geburt weihst du sie auch in das Mysterium des Todes ein – das eine existiert nicht ohne das andere. Wie zwei Geschwister sind sie, wie Tag und Nacht, das eine muss sich opfern, damit das andere zur Geltung kommt – vom Leben in den Tod, vom Tod ins Leben.
Lange gehst du nur den Weg der alltäglichen Aufgaben. Eine gute Weile muss vergehen, bis auch die wichtigen Dinge an die Reihe kommen. Zuerst möchtest du jemand, etwas werden, und erst später verfeinert sich die Frage: nicht nur was, sondern wie sollte man werden?
Sich gute Eigenschaften anzueignen ist ein edles Ideal: Wissen, Güte, Heldenmut, Weisheit, Bereitschaft zum Dienen – endlos könnte man solche Tugenden aufzählen. Solange du am Anfang des Wie-Werdens stehst, sind diese Eigenschaften fern von dir, als stünden sie in einem weiten Kreis um dich herum. Doch sobald es dir gelingt, diese Eigenschaften näher an dich heranzuziehen, rücken sie, indem sie sich dir als ihrer Mitte nähern, auch einander näher. Je enger der Kreis, desto näher, und so ergänzen sie einander am Ende nicht nur, sondern können sogar austauschbar werden. Anfangs stehen das Sein, das Bewusstsein und die Glückseligkeit für sich, weit voneinander entfernt, später fließen die getrennten Begriffe ineinander. Auf dem Gipfel der Verwirklichung werden innerer Friede, Selbstdisziplin und Hingabe zu Begriffen, die einander mindestens ebenso voraussetzen wie Weisheit, Liebe und Dienst oder Wirklichkeit, Wahrheit und Schönheit. Weisheit und Liebe sind dann nicht mehr voneinander zu trennen, und sie sind mindestens ebenso Geschwister wie Tag und Nacht, wie Leben und Tod.
Das körperliche Dasein ist eine Art Wirklichkeit, eine begrenzende und begrenzte Wirklichkeit. Deine Körperlichkeit schränkt deine Bewegungsfreiheit ein und reißt dich aus der Bewusstheit des Alls. Beim Überwinden dieser Grenze hilft es, wenn du dir neue Identitäten suchst. Sei wie der unendliche Raum oder wie der Wind, das Wasser und das Feuer oder wie die Erde.
… In deiner Seele bist du wie der Raum, die alles umfassende Leere, die, frei von Grenzen und Makeln, zugleich alle beweglichen und unbeweglichen Lebewesen durchdringt. Als Leere kannst du die universale Zusammengehörigkeit der Existenz erfahren, ihre Geschwisterlichkeit.
Wenn du als Wind Wolken über den Himmel jagst, wirst du lernen, dass der Himmel niemals bewölkt ist. Düfte nimmst du als Brise auf deine Flügel, und du trocknest alle Feuchtigkeit auf, vielleicht auch die Tränen. Als Atem bist du der Hauch des Lebens.
Wenn du Wasser bist, wirst du rein und kühlend, süß und heilig. Rein, weil das Wasser allen Schmutz abwäscht, kühlend, weil das Wasser den Brand des Daseins lindert. Das Süßwasser nährt das Leben, und als Quelle des Daseins ist es schon an sich heilig. Schon der bloße Anblick des Wassers, seine Berührung oder das Hören seines Klangs wirkt reinigend – sei wie das Wasser!
Wenn du zu Feuer wirst, verschwindest du manchmal vor den Augen der Menschen wie das Feuer, das sich im Holz verbirgt, dann wieder loderst du hoch empor. Die spirituelle Praxis steigert die Kraft des Feuers in dir, und wie das Feuer alles verzehrt und doch nicht unrein wird, so bewahrst auch du, wenn du zur Disziplin findest, deine Reinheit.
Wenn du Erde wirst, spüre tief, dass aus dir alles genommen ward. Im Besitz gewaltiger Kräfte zeigst du tiefe Ruhe. Deine tragende, feste und friedvolle Natur gibst du jedem weiter, der sich an dich wendet.
Wenn du geboren bist, bist du schon etwas geworden. Beginne, und werde auch ein Wie. Werde wie Sonne und Mond, Erde und Stern, sei Feuer und Wasser, sei Vernunft und Intellekt, Einsicht und Weisheit, sei Wahrheit und Erbarmen. Sei Wirklichkeit aus dem Wirklichen, Intellekt aus dem Bewusstsein, Freude aus der Glückseligkeit!