Wenn du Leben gibst, gibst du auch den Tod… – Mann und Frau, hast du schon ein­mal dar­über nach­ge­dacht? Die Wonne und das Feuer der Zeu­gung laden die Ver­gäng­lich­keit ein, schü­ren auch das Feuer des Schei­ter­hau­fens. Wenn du eine Seele ins irdi­sche Dasein ein­lädst, damit sie gebo­ren wird, hast du sie damit zum Ster­ben ein­ge­la­den. Mit dem Mys­te­ri­um des Lebens und der Geburt weihst du sie auch in das Mys­te­ri­um des Todes ein – das eine exis­tiert nicht ohne das ande­re. Wie zwei Geschwis­ter sind sie, wie Tag und Nacht, das eine muss sich opfern, damit das ande­re zur Gel­tung kommt – vom Leben in den Tod, vom Tod ins Leben.

Lange gehst du nur den Weg der all­täg­li­chen Auf­ga­ben. Eine gute Weile muss ver­ge­hen, bis auch die wich­ti­gen Dinge an die Reihe kom­men. Zuerst möch­test du jemand, etwas wer­den, und erst spä­ter ver­fei­nert sich die Frage: nicht nur was, son­dern wie soll­te man wer­den?

Sich gute Eigen­schaf­ten anzu­eig­nen ist ein edles Ideal: Wis­sen, Güte, Hel­den­mut, Weis­heit, Bereit­schaft zum Die­nen – end­los könn­te man sol­che Tugen­den auf­zäh­len. Solan­ge du am Anfang des Wie-Wer­dens stehst, sind diese Eigen­schaf­ten fern von dir, als stün­den sie in einem wei­ten Kreis um dich herum. Doch sobald es dir gelingt, diese Eigen­schaf­ten näher an dich her­an­zu­zie­hen, rücken sie, indem sie sich dir als ihrer Mitte nähern, auch ein­an­der näher. Je enger der Kreis, desto näher, und so ergän­zen sie ein­an­der am Ende nicht nur, son­dern kön­nen sogar aus­tausch­bar wer­den. Anfangs ste­hen das Sein, das Bewusst­sein und die Glück­se­lig­keit für sich, weit von­ein­an­der ent­fernt, spä­ter flie­ßen die getrenn­ten Begrif­fe inein­an­der. Auf dem Gip­fel der Ver­wirk­li­chung wer­den inne­rer Frie­de, Selbst­dis­zi­plin und Hin­ga­be zu Begrif­fen, die ein­an­der min­des­tens eben­so vor­aus­set­zen wie Weis­heit, Liebe und Dienst oder Wirk­lich­keit, Wahr­heit und Schön­heit. Weis­heit und Liebe sind dann nicht mehr von­ein­an­der zu tren­nen, und sie sind min­des­tens eben­so Geschwis­ter wie Tag und Nacht, wie Leben und Tod.

Das kör­per­li­che Dasein ist eine Art Wirk­lich­keit, eine begren­zen­de und begrenz­te Wirk­lich­keit. Deine Kör­per­lich­keit schränkt deine Bewe­gungs­frei­heit ein und reißt dich aus der Bewusst­heit des Alls. Beim Über­win­den die­ser Gren­ze hilft es, wenn du dir neue Iden­ti­tä­ten suchst. Sei wie der unend­li­che Raum oder wie der Wind, das Was­ser und das Feuer oder wie die Erde.

… In dei­ner Seele bist du wie der Raum, die alles umfas­sen­de Leere, die, frei von Gren­zen und Makeln, zugleich alle beweg­li­chen und unbe­weg­li­chen Lebe­we­sen durch­dringt. Als Leere kannst du die uni­ver­sa­le Zusam­men­ge­hö­rig­keit der Exis­tenz erfah­ren, ihre Geschwis­ter­lich­keit.

Wenn du als Wind Wol­ken über den Him­mel jagst, wirst du ler­nen, dass der Him­mel nie­mals bewölkt ist. Düfte nimmst du als Brise auf deine Flü­gel, und du trock­nest alle Feuch­tig­keit auf, viel­leicht auch die Trä­nen. Als Atem bist du der Hauch des Lebens.

Wenn du Was­ser bist, wirst du rein und küh­lend, süß und hei­lig. Rein, weil das Was­ser allen Schmutz abwäscht, küh­lend, weil das Was­ser den Brand des Daseins lin­dert. Das Süß­was­ser nährt das Leben, und als Quel­le des Daseins ist es schon an sich hei­lig. Schon der bloße Anblick des Was­sers, seine Berüh­rung oder das Hören sei­nes Klangs wirkt rei­ni­gend – sei wie das Was­ser!

Wenn du zu Feuer wirst, ver­schwin­dest du manch­mal vor den Augen der Men­schen wie das Feuer, das sich im Holz ver­birgt, dann wie­der loderst du hoch empor. Die spi­ri­tu­el­le Pra­xis stei­gert die Kraft des Feu­ers in dir, und wie das Feuer alles ver­zehrt und doch nicht unrein wird, so bewahrst auch du, wenn du zur Dis­zi­plin fin­dest, deine Rein­heit.

Wenn du Erde wirst, spüre tief, dass aus dir alles genom­men ward. Im Besitz gewal­ti­ger Kräf­te zeigst du tiefe Ruhe. Deine tra­gen­de, feste und fried­vol­le Natur gibst du jedem wei­ter, der sich an dich wen­det.

Wenn du gebo­ren bist, bist du schon etwas gewor­den. Begin­ne, und werde auch ein Wie. Werde wie Sonne und Mond, Erde und Stern, sei Feuer und Was­ser, sei Ver­nunft und Intel­lekt, Ein­sicht und Weis­heit, sei Wahr­heit und Erbar­men. Sei Wirk­lich­keit aus dem Wirk­li­chen, Intel­lekt aus dem Bewusst­sein, Freu­de aus der Glück­se­lig­keit!