– Stell dir vor – sagte mein Freund –, jetzt stei­gen wir von die­sem Wagen ab, suchen die Quel­le, und mit einem Mal sind wir von all unse­ren Ängs­ten befreit. Aller­dings war­ten dort an der Bie­gung, wo sich der Hang schon hin­ter dem Laub der Bäume ver­birgt, ein paar unschlüs­sig her­um­ste­hen­de Leute, die auf den Wagen stei­gen möch­ten. Gewiss, dies ist die Bie­gung, an der es keine Angst mehr gibt, wenn du absteigst, aber siehst du, es wird immer wel­che geben, die auf­stei­gen. Und glaub nicht, sie wüss­ten nicht, dass dies die Bie­gung ist… sie wis­sen es genau, doch so ist der Mensch nun ein­mal, er hält den Baum fest umschlun­gen und schreit dabei: Lass mich los, lass mich los!

Ich schwieg, ich woll­te kei­ner sein, der sich fest­klam­mert und schreit, aber ich war ein wenig auf der Hut. Mir war nicht leicht ums Herz. Zuge­ge­ben, Uner­schro­cken­heit lag mir fern, toll­kühn würde ich mich schon gar nicht nen­nen, und Mut ist auch nicht mein täg­lich Brot. Soll­te ich wagen, aus den wohl­be­kann­ten Schran­ken mei­nes Lebens hin­aus­zu­tre­ten? Meine Ängs­te würg­ten mich zwar manch­mal, doch da ich sie schon kann­te, bedeu­te­ten sie auch Sicher­heit. Ja, und doch klam­mer­te ich mich an sie.

– Also dann, Gott befoh­len! – sagte mein Freund zum Kut­scher, der schwei­gend nick­te und sich nicht ein­mal nach uns umdreh­te, als wir her­un­ter­klet­ter­ten. – Komm, die Quel­le ist ein Stück wei­ter, gehen wir! – und er schritt rascher aus, ich kam ihm kaum nach. Und er rede­te:

– Wenn du hier absteigst, kannst du dich von all dei­nen alten Freun­den befrei­en, von dei­nen Ängs­ten, die dich schon so lange heim­su­chen, die immer wie­der auf­tau­chen und sich dir, ob du willst oder nicht, an die Fer­sen hef­ten. Wie oft hast du schon geglaubt, du seist ihnen ent­wischt, doch beim nächs­ten Schritt hast du gemerkt, dass es dir wie­der nicht gelun­gen war, sie abzu­schüt­teln. Wovon du dich am liebs­ten befreit hät­test, gera­de das hef­tet sich unab­schüt­tel­bar an deine Fer­sen.

– Ja, das habe ich lei­der mehr als ein­mal gespürt – sagte ich leise unter der Last der Wahr­heit.

– Aber du hast bemerkt: Jede Angst, vor der du nicht mehr gezit­tert hast, ist unbe­merkt ver­duns­tet! – mein Freund war begeis­tert, ich eher matt. Seine Erklä­rung riss mich nicht mit, ich geriet ins Sin­nie­ren und grü­bel­te: Fürch­te­te ich mich etwa davor, meine Ängs­te zu ver­lie­ren?

– Doch so ist die­ses Spiel nun ein­mal – die einen stei­gen aus, ande­re schlie­ßen sich gera­de jetzt an. Sie mer­ken kaum, wozu sie sich ver­din­gen – und er rede­te begeis­tert wei­ter. Seine Stim­me glät­te­te sich zu einem Mur­meln und unter­mal­te nur noch den Takt, in dem wir dahin­schrit­ten, rechts, links, voran, wie­der… Meine Gedan­ken waren ganz woan­ders unter­wegs, als wären sie hin­ter mei­nem Kör­per zurück­ge­blie­ben, der der Quel­le zustreb­te.

„Der Schre­cken… wenn er als kalte Berüh­rung mei­nen Rücken hin­un­ter­kriecht, und die­ser Druck in der Brust, dass mir sogar der Atem stockt. Der Orga­nis­mus zeigt Not­fall­re­ak­tio­nen: Pupil­len­er­wei­te­rung, Blut­druck, stei­gen­de Puls­fre­quenz und der Schweiß, die­ser schreck­li­che kalte Schweiß. Und all das nicht, damit ich den Flucht­weg bes­ser sehe oder sprin­gen kann, son­dern nur, damit durch den gewei­te­ten Spalt mei­ner Augen der Schre­cken noch voll­stän­di­ger in mich ein­dringt, damit meine Füße, statt zu sprin­gen, end­gül­tig im Boden Wur­zeln schla­gen. Damit mein schnel­ler wer­den­der Puls mit dem Pochen der Angst mit­bebt, damit mein Keu­chen ihren kal­ten und bit­te­ren Gestank ein­at­met…“

– Hörst du mir über­haupt zu? Nimm den Stock da, am Anstieg kannst du ihn gut brau­chen! – das war nun eine Instruk­ti­on mei­nes Freun­des, und sie holte mich ein wenig, aber nur ein wenig, aus mei­nem Sin­nie­ren.

– Frei­lich, der Schre­cken! – sagte ich und ant­wor­te­te eher mir selbst als ihm…

„Die Angst braucht immer neue Die­ner. Wer von den alten zu flie­hen ver­sucht, nach dem greift sie. Wer zurecht­zu­kom­men ver­sucht, dem zieht sie das Wür­ge­hals­band ein Stück enger. Die alten lässt sie nicht los, und sie sam­melt neue, wirbt sie regel­recht an. Die Angst hat mit mir einen Bluts­bund geschlos­sen, als sie mir eine Wunde schlug, und durch diese saugt sie mein Blut und zehrt mich lang­sam auf, und so dringt nun ihr Wesen in mich ein und durch­tränkt mich ganz. Das Wesen mei­nes Lebens hat sie an sich geris­sen, und sie, die Angst, ist ein Teil von mir gewor­den. Jeder Schlag mei­nes Her­zens stößt ihr anste­cken­des Gift durch all meine Adern. Ich bin durch­tränkt vom bit­te­ren Gift der Angst… die Angst ist ein Mehl­tau auf der Seele…“

– Komm, hier ist das Was­ser der Quel­le, trink! Und mit den Ängs­ten ist es vor­bei! Es gibt keine Beklem­mung, nur die Freu­de der Seele… – und er rede­te und rede­te und löste dabei lang­sam den inne­ren Schre­cken auf.